Der Rabe im Schaufenster

Seit das Wochenblatt vor einem Monat die Sommerserie «Aus den Aufzeichnungen von Jonas Lenz» lanciert hat, nimmt die Zahl der sachdienlichen Hinweise stetig zu. Kaum hat die Detektei ein Gesicht bekommen, beginnt das Tal zurückzuschreiben. Menschen melden sich. Türen gehen auf. Geschichten bieten sich an.

Die Liste mit besonderen Menschen, ungewöhnlichen Orten und verborgenen Schätzen wächst fast täglich. Ein Motorradclub mit eigener Bikerbar. Ein Messerschleifer nach alter Schule. Eine Theatergruppe auf der Suche nach einem Piaggio Ape. Und immer wieder neue Menschen, die finden: «Da hätte der Detektiv einmal vorbeischauen müssen.»

Hinweise auf allen Kanälen

Bemerkenswert ist nicht nur, was gemeldet wird, sondern wie. Die meisten Hinweise treffen per E-Mail ein. Andere erreichen die Detektei ganz klassisch über die Hotline. Und manche finden ihren Weg auf eine Art, mit der selbst Jonas Lenz nicht gerechnet hätte: zu Fuss.

So stand eines Tages im Stadthaus ein kleines Päckchen bereit. Darin ein gehäkelter Rabe, sorgfältig verpackt, begleitet von einer handgeschriebenen Nachricht: «Ich schicke Ihnen tierische Unterstützung. Ein Rabe sieht, was im Schatten lebt. Seine Augen ruhen überall, darum ist er der perfekte Partner für jede Detektiv-Mission. Auf eine erfolgreiche Zusammenarbeit.»

Wenige Tage später folgt eine E-Mail derselben Absenderin, Tanja Corbat: «Ich liebe es zu häkeln. Jedes Stück hat eine Geschichte, einen Menschen, einen Anlass. Ich sah die Detektei Laufental, und der Einfall war schneller, als ich die Nadel schwingen konnte, ein Rabe musste entstehen. Es freut mich zu hören, dass der kleine Sherlock den Weg zu Ihnen gefunden hat.»

Ein Ermittler mit Federn

Inzwischen hat der Rabe seinen festen Platz im Schaufenster der Detektei gefunden. Er sitzt auf dem Koffer, als hätte er nie etwas anderes getan. Einerseits bewacht er dessen geheimnisvollen Inhalt. Andererseits hält er mit seinen wachsamen Augen Ausschau nach neuen Hinweisen, Tag und Nacht.

Das passt erstaunlich gut. Raben gelten seit jeher als kluge Beobachter. Sie entdecken, was andere übersehen, merken sich Gesichter und scheinen stets ein wenig mehr zu wissen, als sie verraten. Eigenschaften, die einer Detektei ausgesprochen gut stehen.

Jonas Lenz betrachtet den Neuankömmling eine Weile. Vermutlich handelt es sich um den ersten offiziellen Mitarbeitenden der Detektei. Zwar unbezahlt, dafür mit beneidenswertem Überblick. Und ohne Anspruch auf Feierabend.

Luxusproblem

Mit jedem Hinweis wächst allerdings auch die Herausforderung. Inzwischen ist die Liste so lang geworden, dass Jonas Lenz erstmals ein Problem hat, über das er sich gerne beklagt: Wo anfangen? Wem zuerst nachgehen? Welche Spur nicht verpassen?

Es gibt schlechtere Sorgen für einen Detektiv. Also macht er, was Ermittler tun. Einen Hinweis nach dem anderen verfolgen. Geduldig. Neugierig. Und immer mit der Hoffnung, dass hinter der nächsten Tür wieder eine Geschichte wartet, die das Laufental ein kleines Stück überraschender macht.

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