Die Parallelwelt der Barba Rojas

Auch Jonas Lenz lebt in einer Filterblase. Zwar ist seine inzwischen legendäre weisse Piaggio Ape kaum mehr zu übersehen, doch seit er damit unter die «Töfffahrer» gegangen ist, interessiert ihn die Welt der motorisierten Zweiräder aus einer neuen Perspektive. Als ihm Ende Juni ein sachdienlicher Hinweis zugespielt wird, kommt er deshalb gerade recht: eine Einladung in eine «Parallelwelt», heisst es. Absender ist Manu Visentin, Präsident eines Motorradclubs im Laufental.

Harte Schale, weicher Kern

Lenz nimmt den Faden auf. Nicht nur als Detektiv, sondern auch als Soziologe. Subkulturen interessieren ihn. Gemeinschaften, die eigene Regeln entwickeln, eigene Rituale pflegen und sich über gemeinsame Symbole definieren. Wenige Wochen später steht er kurz nach 11 Uhr vor dem roten Clubhaus der Barba Rojas an der Baslerstrasse in Grellingen.

Manu Visentin wartet bereits. Grossgewachsen, Mitte dreissig, längerer Kinnbart, Tätowierungen an Hals, Armen und Beinen, schwarze Sonnenbrille im Haar. Eine imposante Erscheinung. Gleichzeitig ist da diese herzliche, offene Art, die das alte Motto «Harte Schale, weicher Kern» geradezu persönlich zu nehmen scheint.

Lenz trägt wie immer weisses Hemd und schwarzes Gilet, Visentin seine Kutte. Auf dem Rücken prangt der sogenannte Dreiteiler: oben «Barba Rojas», unten «Laufental», dazwischen ein Piratenkopf. Das Color, wie das Clubabzeichen genannt wird, erhält man nicht einfach so. Man muss sich als würdig erweisen und die einzelnen Teile Schritt für Schritt verdienen.

Vom Töffli zum eigenen MC

Lenz ist sofort im Lernmodus. Wie viele Mitglieder hat der Club? Darüber rede man nicht. Was passiert im Raum hinter der Bikerbar? Memberroom, absolutes Tabu. Jeden Donnerstag Sitzung, Anwesenheitspflicht. Welche Regeln gelten? Lenz fragt weiter, Visentin antwortet geduldig. Einiges bleibt geheim. Offenheit hat offenbar auch Grenzen.

Das Clubhaus ist seit bald zwei Jahren das zweite Zuhause der Barba Rojas. Ein rotes Gebäude mit Piratenkopf und grossem Schriftzug. Vorher war hier ein Bordell, noch früher die Werkstatt des bekannten Harley-Umbauers Urs Erbacher, dazwischen eine Burgerbude. Ein Ort mit Geschichte also. Und mit ordentlich PS.

Visentin ist seit seiner Schulzeit von Motorrädern fasziniert. Auf das Töffli folgten grössere und schwerere Maschinen, mit 18 die erste Harley, mit 19 die erste Erfahrung als Supporter eines Motorradclubs. Doch irgendwann reichte ihm das nicht mehr. Er wollte sich nirgends anschliessen, sondern sein eigenes Ding machen.

2017 begann er deshalb, bei den bestehenden Clubs der Nordwestschweiz vorzusprechen. Einfach einen neuen MC zu gründen, geht nicht. Zuerst braucht es das Okay der regionalen Clubs, danach die Zustimmung der Schweizer Szene. Nach eineinhalb Jahren war es geschafft. Visentin bekam eine Region zugeteilt, das Laufental. Brachland in der Bikerszene, wie er sagt.

2019 wurde Barba Rojas offiziell gegründet. Der Name nimmt Bezug auf die Piratenfigur Rotbart und passt auch deshalb, weil Visentin früher einen Bart mit Rotstich trug. Piratenbezug, neuer Club, eigenes Revier. Die Geschichte war geboren.

Freiheit mit Regeln

«Bei uns herrscht keine Harley-Pflicht», sagt Visentin und lädt Lenz ein, auf einer Indian Platz zu nehmen. Lenz lässt sich nicht zweimal bitten. Der Unterschied zur Ape könnte kaum grösser sein. Seine Piaggio bringt es auf zwei PS, die Indian auf rund 100.

Lenz betrachtet das Motorrad und versucht, in die Parallelwelt einzutauchen. Als Soziologe interessiert Lenz natürlich nicht nur die Frage, wie viel PS eine Indian hat. Ihn interessiert auch, welche Werte und Normen eine solche Gemeinschaft zusammenhalten. «Und wo steht ihr politisch?» fragt Lenz. Visentin überlegt kurz. «Wir sind absolut neutral und offen für verschiedene politische und religiöse Ansichten.»

«Immer wieder haben wir mit klassischen Vorurteilen zu tun», sagt Visentin: Dass Rocker kriminell seien, zum Beispiel. Teilweise werde gar von organisierter Kriminalität gesprochen, was ein absoluter Schwachsinn sei.

Die Mitgliedschaft im MC biete zwar eine Möglichkeit, das Rebellische auszuleben. Gleichzeitig gehe es aber nicht darum, auf der Flucht zu sein, schmunzelt Visentin. «Wir wollen einfach unsere Freiheit geniessen», erklärt Visentin. Freiheit bedeutet allerdings nicht Regellosigkeit. Im Gegenteil. Kutte, Hierarchie, Schweigepflicht und Respekt vor dem Revier spielen eine wichtige Rolle.

Wer mit der Kutte ins Ausland fährt, meldet sich beim örtlichen Club an. Konflikte werden nicht als Privatangelegenheit betrachtet. Wer einen Konflikt anzettelt, zieht den ganzen Club hinein. Lenz staunt. Eine Gemeinschaft, die Freiheit verspricht und dafür erstaunlich viele Regeln kennt. Vielleicht ist das gar kein Widerspruch. Auch Freiheit braucht einen Rahmen.

Die grosse und die kleine Maschine

Zum Schluss begleitet Visentin Lenz nach draussen. Vor dem Clubhaus stehen sie nebeneinander: Visentin’s Harley und Lenz’ Ape. Schwarz und weiss. 100 und 2 PS. Ein ausgewachsenes Motorrad und ein italienisches Dreirad, das mit seinen 38 Stundenkilometern gemächlich durch die Welt tuckert. Beide müssen lachen.

Lenz denkt an die vielen Welten, die sich im Laufental überlagern. Menschen mit eigenen Leidenschaften, Sprachen, Regeln und eigenen Treffpunkten. Von aussen wirken sie manchmal fremd. Sobald man näherkommt, entdeckt man vor allem eines: Menschen, die ihr eigenes Ding machen.

Vielleicht treffen sich die beiden Maschinen demnächst wieder. Für ein gemeinsames Fotoshooting durchs Stedtli. Lenz voraus, Visentin auf der Harley im Schlepptau. An eines hat sich der Detektiv inzwischen gewöhnt: Im Stau ist er immer zuvorderst.

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