
Was einst eine Mühle und später eine Futtermittelfabrik war, ist heute ein lebendiger Mikrokosmos aus Gewerbe, Handwerk, Kultur und Sport. Für Jonas Lenz wird die Birsmill zum nächsten Puzzleteil auf seiner Suche nach den Potenzialen des Laufentals.
Der sachdienliche Hinweis erreicht Jonas Lenz anfangs Juli. «Wir stellen euch sehr gerne ein interessantes Objekt vor», schreibt Urs Bieli. «Und zwar die Birsmill in Laufen. Eine Plattform für das lokale Gewerbe im Laufental», heisst es weiter. «Arbeitsräume, Netzwerke, Kultur, Künstler und Handwerker unter einem Dach. Ein lebendiger Treffpunkt. Ein gefundener Ort für die Detektei Laufental. Lenz legt das Schreiben zur Seite. Ein gefundener Ort», steht da. Das klingt nach einem neuen Fall.
Lenz-Methodik
Ein paar Wochen später steht er an der Delsbergerstrasse 177. Freitagnachmittag, 14 Uhr 30. Urs Bieli fährt vor, öffnet den Kofferraum und lädt einen runden Stehtisch aus. Esther Grond, seine Partnerin, legt zwei Ordner darauf. Pünktlich um 14 Uhr 30 ist alles bereit.
Lenz beobachtet die Szene und zieht erste Schlüsse. Menschen wahrnehmen, einschätzen, auf sie eingehen: Das ist Teil der Lenz-Methodik. Vermutung eins: Die beiden meinen es ernst, sind bestens vorbereitet und wollen vermutlich mehr erzählen, als Lenz überhaupt aufnehmen kann. Vermutung zwei: Zum ersten Mal trifft Lenz auf jemanden, der ebenfalls Mobiliar im Kofferraum mitführt. Beide Vermutungen sollten sich als goldrichtig erweisen.
Vom Industrieareal zum Mikrokosmos
Der Tisch ist ein guter Einstieg. Gemeinsamkeiten schaffen schnell Verbindungen zwischen Menschen, die sich vor wenigen Minuten noch nicht gekannt haben. Bieli schlägt seine Ordner auf und beginnt mit der Geschichte der Birsmill.
1898 wird die Mühle gebaut. Die Birs liefert Energie, die Jurabahn bringt Waren und Menschen. Das Laufental erlebt einen industriellen Aufbruch. Dann kommen verheerende Brände: 1921, 1969 und 2006. Explosiver Staub ist keine besonders gute Voraussetzung für eine ruhige Nachbarschaft. 1991 wird der Mühlebetrieb eingestellt. Zwei Jahre später übernimmt die Bieli Immobilien AG das Areal. Ab 2004 beginnt eine neue Geschichte: Die alte Industrieanlage verwandelt sich Schritt für Schritt in einen Ort für Kultur, Sport und Gewerbe.
Lenz hört zu. Er kennt solche Geschichten. Oder besser: Er beginnt, sie zu erkennen. Das Laufental ist voller ehemaliger Industrieareale. Das Büttenenareal in Grellingen. Die Alti Papieri in Zwingen. Die Birsmill in Laufen. Puzzleteile. Sie erzählen von einer Zeit, in der Wasserkraft und Eisenbahn den industriellen Aufschwung ermöglichten. Heute werden viele dieser Orte neu genutzt, verwandeln sich in Kultur- und Gewerbezentren.
Villa Kunterbunt
Lenz fühlt sich in der Birsmill sofort wohl. Eine Art Villa Kunterbunt, die ihn an das St.Galler Lagerhaus erinnert, wo er seit 1999 Mieter ist. Auch dort wurde ein historischer Industrie- und Logistikbau in ein lebendiges Gemisch aus Kultur, Gastronomie, Freizeit und Gewerbe verwandelt. Das Alte wird nicht musealisiert, es wird weiterentwickelt.
Vielleicht ist das die eigentliche Kunst der Transformation: Nicht alles Alte wegzuräumen, um Platz für Neues zu schaffen, sondern herauszufinden, was vom Alten noch gebraucht werden kann.
Lenz setzt gedanklich ein weiteres Puzzleteil an seinen Platz. Die Birsmill ist nicht einfach ein gelungen umgenutztes Industriegebäude. Sie ist ein Beispiel dafür, wie aus Geschichte Gegenwart und aus Gegenwart Zukunft entstehen kann.
Der Ermöglicher
Je länger Lenz durch die Birsmill geht, desto stärker richtet sich sein Blick auf Urs Bieli. Der 79jährige Transportunternehmer und ehemalige Stadtrat hat das Areal nicht einfach verwaltet, er hat Möglichkeiten geschaffen.
Nach dem Ende der industriellen Nutzung hätte er die Hallen auch anders nutzen können. Stattdessen gab er ihnen Zeit und öffnete sie für Menschen mit Ideen. Er schuf Proberäume, hielt Mieten tief und verzichtete in den ersten Jahren sogar auf Mietzins, damit der Musikclub Biomill überhaupt entstehen konnte. Mehr als 20 Jahre lang wurde hier Musik gemacht.
Der Musikclub ist inzwischen Geschichte. Aber die Geschichte der Birsmill ist noch lange nicht zu Ende. Transformation bedeutet nicht, dass etwas Altes verschwindet und etwas Neues entsteht. Transformation bedeutet, dass ein Ort seine Bedeutung verändert, ohne seine Seele zu verlieren.
Die Birs lieferte früher Energie für die industrielle Produktion. Heute liefert sie vor allem Atmosphäre. Die alten Gebäude erzählen von Arbeit. Heute ermöglichen sie Arbeit. Die Mühle produzierte einst Futtermittel. Heute produziert die Birsmill Möglichkeiten.
Ein gefundener Ort
Die Zeit verfliegt. Urs Bieli hätte noch lange erzählen können. Lenz könnte sich hier tageweise herumtreiben. Doch der nächste Fall ruft. Mit wachsendem Bekanntheitsgrad der Detektei steigen Erwartungen und Ansprüche. Gleichzeitig wird die Zeit knapper, bis sich sein Auftrag dem Ende nähert. Lenz muss sich zunehmend abgrenzen, Prioritäten setzen.
Er verabschiedet sich von Bieli und Grond. Nicht ohne die Verdienste des Mannes zu würdigen, der aus einem ehemaligen Industrieareal einen Ort für andere gemacht hat.
Bieli wird nächstes Jahr 80. Er möchte die Birsmill in absehbarer Zeit in neue Hände geben. Gesucht ist jemand, der nicht einfach Immobilien verwaltet, sondern den Gedanken hinter diesem Ort weiterträgt: erschwingliche Räume für lokales Gewerbe, Kultur, Handwerk, Sport und Begegnung.
Lenz schaut noch einmal auf den runden Tisch. Vielleicht ist das gar kein Stehtisch, denkt er. Vielleicht ist es ein Symbol. Für einen Ort, an dem Menschen zusammenkommen, Ideen austauschen und etwas neu anfangen können.
Er setzt seinen Hut auf und geht zur Ape. Und während Lenz den Motor startet, wird im bewusst: Ja, die Birsmill ist ein gefundener Ort mit grossem Potenzial. Danke Urs Bieli.

