
Central geschlossen, Röschenzerhof ausgebucht. Für Jonas Lenz wird die Bettsuche langsam zum eigenen Ermittlungsfall. Also wagt er sich erstmals in die Parahotellerie und damit in einen privaten Raum.
Übernachtungs-Netzwerk
Seine Frau ist seit vielen Jahren Mitglied beim Velodach, dem Schweizer Übernachtungs-Netzwerk für Velofahrende und Wandernde. Die Familie hat unterwegs schon mehrfach davon profitiert. Lenz hat deshalb Zugriff aufs Verzeichnis und findet tatsächlich einen Treffer in Laufen: Maja Hauenstein, seit 2021 dabei.
Lenz ruft an. Allerdings sei er nicht auf zwei, sondern auf drei Rädern unterwegs, entschuldigt er sich. «Drei lasse ich auch als zwei Räder gelten», lacht Maja Hauenstein. Glück gehabt.
Ankunft auf drei Rädern
Also schleicht sich Lenz im zweiten Gang Richtung Röschenz. An der Kreuzung zum Bromberg winkt ihm Pascal Bolliger, der Stadtpräsident von Laufen, aus dem Auto zu. Beide steigen aus, wechseln ein paar Worte. Lenz notiert später: Ein Gefühl von Heimischwerden beginnt manchmal an einer Kreuzung.
Kurz nach 20 Uhr steht er vor einem Einfamilienhaus in naturnaher Wohnlage. Maja Hauenstein empfängt ihn unkompliziert und herzlich. Vor 25 Jahren ist sie von Reinach nach Laufen gezogen, weil sie hier ein bezahlbares Haus in kinderfreundlicher Umgebung fand.
Ein Dach für Reisende
Hauenstein war Reiseleiterin, arbeitet als Förderlehrperson in Röschenz und engagierte sich freiwillig an einer Schule in Nepal. Sie erzählt vom Reisen und davon, wie bereichernd die Begegnung mit Menschen aus anderen Berufen, Kulturen und Lebenswelten sein kann.
Genau deshalb ist sie beim Velodach dabei. Das Prinzip ist einfach: Wer selbst Reisende aufnimmt, kann unterwegs kostenlos bei anderen Mitgliedern übernachten. Das Netzwerk funktioniert nach dem Prinzip der Gegenseitigkeit und wird von Freiwilligen getragen. Gegründet wurde es 1991 unter dem Patronat von VCS und IG Velo, heute Pro Velo Schweiz.
Nur: Lenz ist erst der zweite Gast bei Hauensteins. Zum einen liegt Laufen wohl zu nah an Basel. Vielleicht muss man weiter weg sein, damit man näher zusammenrückt. Zum anderen ist das Velodach eine Art geschlossene Gesellschaft: Wer nicht selbst Dachgeber ist, bleibt draussen.
Vom Gästezimmer zum Hotel
Inzwischen sind die Kinder erwachsen, die Tochter bereits ausgezogen, der Sohn wird irgendwann folgen. Spätestens dann ist das Haus viel zu gross für eine Person, neue Ideen sind gefragt.
Lenz erzählt von der Idee des «Albergo Diffuso», dem «verstreuten Hotel», die aus Italien stammt. Nicht ein einziges Hotelgebäude beherbergt die Gäste, sondern mehrere bestehende Häuser im Dorf. Zimmer hier, Frühstück dort, Rezeption an einem anderen Ort. Kein Neubau, sondern die Nutzung leerstehender Räume. Die Gäste wohnen mitten im Ort und werden Teil des lokalen Lebens.
Hauenstein hat noch nie davon gehört. Sie wäre sofort dabei. Lenz schaut sich um: ein grosses Haus, ein freies Zimmer, eine Gastgeberin mit Lust auf Begegnung und ein Stedtli, das nach der Schliessung des Hotel Central bettenlos dasteht. Der erste Baustein für ein mögliches Albergo Diffuso in Laufen scheint gefunden.
Vertrauen
Als Lenz am nächsten Morgen aufsteht, sind bereits alle ausgeflogen. Er setzt sich auf der Terrasse an den Holztisch, breitet sein rotes Journal aus und beginnt zu schreiben. Rundherum ist alles zugewachsen. Vogelgezwitscher. Ein traumhafter Schreibplatz mitten im Grünen.
Um 08.30 Uhr bricht Lenz auf. Er ist der Letzte, der das Haus verlässt. Ein erstaunliches Vertrauen in einen wildfremden Menschen, findet Lenz, als er sich telefonisch nochmals bei der Dachgeberin bedankt.
«So wildfremd kann ein öffentlich gewordener Detektiv ja nicht mehr sein», lacht Maja Hauenstein. Und falls doch einmal etwas schieflaufe, gebe es ja eine Detektei, bei der man Unregelmässigkeiten melden könne. Der Kreis schliesst sich.

