
Lenz merkt, dass sich seine Rolle verändert. Anfangs war er Schatzsucher und Spurenleser, unterwegs auf der Suche nach verborgenen Fundstücken. Inzwischen liegen die Funde vor ihm auf dem Tisch: Menschen, Orte, Geschichten, Fähigkeiten. Er schiebt sie hin und her, probiert Verbindungen aus und fragt sich: Was ergibt sich, wenn diese Puzzleteile zusammengesetzt werden?
Ein Muster fällt ihm immer öfter auf: Im Laufental gibt es erstaunlich viele Menschen, die mit Kopf, Hand und Leidenschaft Dinge herstellen, die es nicht von der Stange gibt. Rahmenbauer, Bootbauer, Geigenbauer, Klavierbauer, Bierbrauer, Steinbildhauer. Fast schon ein Gedicht. Das nächste Puzzleteil hofft Lenz in der Röschenzer Taschenmanufaktur von Lisa Grundwürmer zu finden.
Wie am Meer, einfach ohne Wasser
Da das Navi oft Mühe habe, sie zu finden, schreibt Grundwürmer eine kleine Anleitung: «Es ist das alte Haus mit den grossen Kiefern im Garten, zwei Steinlöwen an der Eingangstreppe und dunkelgrünen Fensterläden. Der Ateliereingang befindet sich unten an der Kellertreppe.»
Im Postskriptum entdeckt Lenz einen weiteren Hinweis: Er habe ihr bereits den Ausflug zu den Silberlöchern eingebrockt, obwohl ihr vor Höhlen und Stollen graue. Aber man wachse ja an den Herausforderungen.
Nun steht er an der Fluhstrasse 2 auf dem Vorplatz. Noch einmal ein warmer Sommertag Anfang September, leichter Wind. «Hier ist es wie am Meer, einfach ohne Wasser», sagt Grundwürmer. Wind, Aufwind, Milane. Und schon sind die beiden mitten im Gespräch, ohne Anlaufzeit, als würden sie sich schon ewig kennen.
Die Frau aus der Wäscherei
Sie steigen die Treppe zu ihrem Atelier hinunter, wo sich auch ihr Flickservice befindet, der mittlerweile einen grossen Teil ihrer Arbeit ausmacht. Hier bietet sie Reparaturen und Änderungen an, um die Lebensdauer von Textilien zu verlängern.
Zuerst geht es um ihre Arbeit in der Wäscherei eines Pflegeheims in Arlesheim. Seit bald sechs Jahren arbeitet die zweifache Mutter dort als Flickschneiderin. Sie «namelt» die Kleider neuer Bewohnerinnen und Bewohner, macht sie enger oder kürzer, wenn die Kräfte nachlassen, flickt und wäscht sie und bringt die frische Wäsche aufs Zimmer.
Lenz will es genau wissen. Wie läuft das eigentlich ab? Grundwürmer spult nochmals zurück und erzählt im Zeitlupentempo. Sie klopft an die Tür, die frische Wäsche in der Hand. Wartet einen Moment, aus Respekt. Eine Schwellensituation. Dann betritt sie den privaten Raum, legt die Wäsche aufs Bett oder räumt sie in den Schrank. Je nach Bedarf.
Der Blick in einen Kleiderschrank sei manchmal ein Spiegel der Person und ihrer Lebenssituation, erzählt sie. Geordnet oder chaotisch. Auch der Duft eines Zimmers könne etwas erzählen. Manchmal lasse er einen länger bleiben, manchmal flacher atmen. Lenz notiert innerlich: Eine Wäscherei ist weit mehr als ein Ort, an dem Hemden wieder sauber werden.
Grundwürmer hat eine Coachingausbildung beim Neurobiologen Gerald Hüther absolviert und schliesst im Spätherbst in Basel den ersten von drei CAS in Spiritual Care ab. Das Pflegeheim möchte eine neue Stelle um sie herum bauen. Nur der Name fehlt noch. Begleiterin in inneren Fragen vielleicht? Oder ganz einfach: «Die Frau aus der Wäscherei». Möglichst niederschwellig, möglichst menschennah.
Aus Resten wird etwas Neues
Damit die schweren Themen nicht kleben bleiben, müssen sie verarbeitet werden. Beruflich und privat. Grundwürmer findet ihren Ausgleich im kreativen Schöpfen.
Sie hat Modedesign und Schnitttechnik studiert und nach der Modeschule begonnen, unter eigenem Namen Produkte herzustellen: Kissen, Mützen, Schals, Taschen. Seit rund 20 Jahren entwirft und produziert sie nun Taschen und Accessoires.
Ihre Spezialität: Dinge, die andere nicht mehr brauchen. Restrollen von Markisen, alte Bücher, Lagerbestände von Autosattlereien und Nähereien, Sofaleder, Vorhänge. Was anderswo als Restmaterial endet, bekommt bei Grundwürmer ein zweites Leben.
«Früher musste ich das, heute habe ich Spass daran und es macht mehr Sinn denn je», sagt sie. Den sparsamen Umgang mit Materialien habe sie mit der Muttermilch aufgesogen. Abfall habe es zu Hause kaum gegeben. Ihre Mutter, Jahrgang 1936, war in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen und hatte die Kriegszeit in Deutschland erlebt. Die Grossmutter wiederum rettete für Lisa selbst kleinste Dinge und sammelte sie im Nachtkästchen. Seifendosen etwa, türkis, Blumenmuster mit goldenem Rand.
James Bond als Etui
Lenz‘ Blick wandert durch das Atelier. Fadenspulen, Stoffbänder, Stoffreste, fein säuberlich nach Farben geordnet. Dann bleibt er an einem Regal hängen. Ausrangierte Bibliotheksbücher stehen dort, Taschenbuchformat neben Grossformat.
Lenz zieht eine schwarz-weisse James-Bond-Enzyklopädie heraus. Ein Reissverschluss rund um den Buchdeckel. Innen ist das Buch ausgehöhlt und mit Plane ausgekleidet. Ein paar Seiten sind geblieben, der Rest ist freier Raum. Für Notizen. Oder vielleicht für ein Notebook.
James Bond als Handtasche? Nein, als Etui. Lenz wiegt das verwandelte Buch in den Händen. Er ist sofort begeistert. Ein ausrangiertes Buch, das nicht nur über Agenten erzählt, sondern selbst zum Geheimfach geworden ist. Und plötzlich liegt da wieder ein Puzzleteil für seine Idee einer «Manufaktur Laufental».
Baselland Tourismus denkt in eine ähnliche Richtung. «Nicht nur Sehenswürdigkeiten zeigen, sondern Formate anbieten, bei denen Gäste selber Teil des Geschehens werden können», sagte Geschäftsführer Michael Kumli unlängst.
Warum also nicht ein Workshop mit Lisa Grundwürmer? Die Gäste bringen ihr Lieblingsbuch mit und verwandeln es unter Anleitung in ein persönliches Etui. Aus einem alten Buch wird ein neues Gebrauchsobjekt, aus einem Besuch ein Erlebnis, aus einem Fundstück ein Format.
Sachdienliche Hinweise
Das Gespräch neigt sich dem Ende zu, obwohl es noch viel zu sagen gäbe. Wie immer hinterlässt Lenz seine Visitenkarte im Colombo-Stil: «Und übrigens, für den Fall der Fälle. Falls noch sachdienliche Hinweise auftauchen.»
Er muss nicht lange warten. Grundwürmer schüttelt gleich zwei Spuren aus dem Ärmel. Zum einen das «Stoffland» an der Delsbergerstrasse, wo im ersten Stock über der Fahrschule die Nähschule von Angelika Fischer zu finden ist.
Zum anderen «Mindflash», eine Veranstaltungsreihe, die am Samstag zum zweiten Mal stattfindet. «Kleine Inputs, grosse Wirkung.» Menschen bekommen 15 Minuten Zeit, um eine Idee, ein Talent, Wissen oder eine Leidenschaft auf die Bühne zu bringen. Fast alles ist erlaubt: Wissen, Musik, Tanz, Kreativität, Humor. Eine Art TED-Talk-Format.
Plötzlich löst sich neben Lenz ein Metallrahmen aus dem Regalsystem und kracht kraftvoll auf den Betonboden. Bingo. Volltreffer. Lenz notiert den ersten Programmpunkt des Mindflash: «Der geistige Kleiderschrank. Rollenbilder, Prägungen und die Freiheit, frei zu wählen.» Da muss er hin, der nächste Fall ruft.
Beim Hinausgehen dämmert es ihm. Immer mehr Teile fügen sich zusammen. Verbindungen entstehen. Dinge werden zusammengenäht, wie bei Lisa Grundwürmer. Lenz bleibt kurz stehen. Plötzlich weiss er auch, weshalb in seinem Schaufenster-Büro ein Nähtischchen steht. Die Detektei beginnt zu nähen.
Bild: Sabine Theiler

