
ZWINGEN – Als geübter Locationscout erkennt Jonas Lenz auf dem Schlossgelände sofort den idealen Standort für sein mobiles Ermittlungsbüro. Diesmal fällt die Wahl auf den lauschigen Garten vor dem Wasserschloss: ein kleiner Treppenaufgang, Schatten spendende Kastanienbäume, ein leichter Wind. Genau hier veranstalten Aurelia und Milena Luongo seit kurzem an den Wochenenden ihr Schlosscafé. Italienischer Kaffee, österreichischer Kuchen. Eine Kombination, die Lenz überzeugt. Wer Espresso und Mehlspeise zusammenbringt, scheint kulturelle Grenzen elegant zu überwinden.
Kaum ist Tisch, Stuhl und rotes Journal aufgebaut, nimmt bereits der erste Gesprächspartner Platz: Ermando Imondi. Ein Name mit Klang. Lenz denkt kurz an einen Fussballer der Serie A oder an einen Musiker mit sanfter Stimme. Doch nein: Vor ihm sitzt der Gemeindepräsident von Zwingen. Seit einem Jahr wieder im Amt. Wieder, weil Imondi bereits von 2015 bis 2019 Gemeindepräsident war. Er gehört damit zu den wenigen Menschen, die es in einem einzigen Leben zweimal schaffen, Gemeindepräsident zu werden.
Lenz findet das bemerkenswert. Die meisten Menschen sind froh, wenn sie politische Verantwortung irgendwann wieder abgeben können. Imondi dagegen kehrte zurück. «Die Richtung, welche die Gemeinde eingeschlagen hatte, gefiel mir nicht», sagt er ruhig. Statt von aussen Kritik zu üben, habe er sich entschieden, erneut Verantwortung zu übernehmen. Ärmel nach hinten krempeln, wie er es nennt, und das Schiff wieder in ruhigere Gewässer steuern. Als Betriebswirtschafter sei es ihm wichtig, mit dem vorhandenen Geld sorgfältig umzugehen. Solide haushalten, gezielt investieren, langfristig denken.
Dann erzählt Imondi von sich selbst. Er sei ein «Zueche-Gschwümmte», sagt er und lächelt. Ein Zugeschwemmter. Ursprünglich stammt er aus Belp im Kanton Bern. Deshalb spreche er bis heute einen unverkennbar reinen Berner Dialekt. Lenz gefällt die Ironie der Geschichte: Ausgerechnet 1993, in jenem Jahr, als das Laufental per Volksabstimmung vom Kanton Bern zu Baselland wechselte, zog ein Berner ins Tal. Fast so, als hätte das Tal beim Kantonswechsel unauffällig einen Berner als Erinnerung behalten wollen. Zwischendurch lebte Imondi acht Jahre in Pfeffingen. Dann kam er zurück. Heute ist klar: Aus dem Zugeschwemmten ist längst ein Verwurzelter geworden.
Was Imondi als Zwingner besonders am Herzen liegt: «Unsere starke Gemeinschaft. Wir haben ein unglaublich lebendiges Dorf- und Vereinsleben. Ob Kultur, Sport oder Natur – die Zwingnerinnen und Zwingner halten zusammen, engagieren sich füreinander und machen unser Dorf besonders lebenswert.»
Lenz legt einen goldenen Rahmen auf den Tisch. Darin seine nächste Frage: «Laufental, was macht dich zum Abenteuer?» Imondi denkt nicht lange nach. «Dass ich jeden Morgen aufstehe, ohne zu wissen, was auf mich zukommt.» Lenz nickt. «Und dass man hier vielen speziellen Leuten begegnet», fährt Imondi fort, «Menschen, von denen man lernen und profitieren kann.» Dann ergänzt er: «Und das Laufental ist mit Ricola und Keramik Laufen in der ganzen Welt vertreten. Darauf dürfen wir stolz sein.»
Später spricht Imondi über die Detektei selbst und formuliert etwas, das Lenz hängen bleibt. Was ihm an dieser sonderbaren Ermittlungsarbeit gefalle? Dass der Detektiv von aussen komme. Dass er den Fritz und das Vreneli nicht kenne. Keine Vorgeschichte habe. Keine Lagerzugehörigkeit. Keine Vorurteile. «Sie gehen auf alle unvoreingenommen zu», sagt Imondi. «Das macht Sie vertrauenswürdig.» Lenz hört aufmerksam zu. Fremdheit nicht als Defizit, sondern als Methode. Genau so hatte er es immer verstanden.
Dann folgt die vielleicht schönste Beobachtung des Tages. «Ihre Fragetechnik ist speziell», sagt Imondi. «Sie holen alles raus. Typisch Detektiv halt.» Kurze Pause. «Ein bisschen erinnern Sie mich an Inspektor Colombo.» Lenz muss lachen. Colombo. Zerknitterter Mantel. Unterschätzte Intelligenz. Harmloser Auftritt. Präzise Fragen. Nicht die schlechteste Referenz, denkt Lenz. Er notiert den letzten Satz des Tages in sein rotes Journal: Wer fragt, der führt.

