Der Glöckner von Zwingen

ZWINGEN – Wasserschloss Zwingen, später Nachmittag. Unter den Kastanienbäumen baut Jonas Lenz sein Ermittlungsbüro auf. Heute Abend findet im Lindengarten die neu lancierte Schloss Buvette statt. Einer der Mitwirkenden ist Patrick Bonneau. Im Vorstand des Schlossvereins hat er eine Funktion, die Lenz sofort elektrisiert. Präsident, Kassier, Protokollführerin – alles ehrenwerte Rollen. Aber da steht noch etwas anderes: Glöckner.

Glöckner. Allein das Wort löst bei Lenz inneres Kopfkino aus. Manche Berufsbezeichnungen erzählen mehr als ganze Lebensläufe. Glöckner gehört in diese Kategorie. Das Wort riecht nach Mittelalter, Steinmauern und Ritual.

Patrick Bonneau erscheint wenig später. Kein Kapuzenmantel. Kein Glockenseil über der Schulter. Kein mittelalterliches Gewand. Einfach ein freundlicher, bodenständiger Zwingner mit wachem Blick. Bonneau nimmt Platz und erzählt. Sein Name stamme vom französischen Vater. Bonne eau – gutes Wasser. Ein Name, der erstaunlich gut zu Zwingen passt, diesem Ort am Wasser, mit seinem Wasserschloss und seinen Kanälen. Sein Vater arbeitete einst in der Papiri Zwingen, wo er auch Bonneaus Mutter kennenlernte.

Dann kommt Lenz zur entscheidenden Frage. «Und… wie läutet man die Glocke?» Bonneau greift in die Tasche und legt ein gelbes Gerät auf den Tisch. Lenz starrt. Das also ist das Werkzeug des Glöckners. Kein Seil. Kein Holzgriff. Kein bronzener Hebel. Sondern eine Fernbedienung mit Antenne und Kippschalter. Gelber Kunststoff. Schwarze Knöpfe. Aufschrift: Joh. Muff AG, Kirchenglocken-Läutmaschinen. Lenz braucht drei Sekunden, um die erste Enttäuschung professionell zu verarbeiten.

Seit sieben Jahren, erzählt Bonneau, bedient er die Glocken der Schlosskapelle damit bequem von zuhause aus, mit Blick auf den Turm der Schlosskapelle, rund hundert Meter Luftlinie entfernt. Bei Abdankungen läutet die kleine, helle Glocke. Bei Hochzeiten kommt die grössere dazu, tiefer im Klang, voller im Raum, festlicher in der Wirkung.

Was Lenz beeindruckt: Nicht die Technik steht im Vordergrund, sondern die Sorgfalt. Glöckner sein bedeutet nicht bloss, einen Knopf zu drücken. Es bedeutet, zu wissen, wann welcher Klang angebracht ist. Welche Glocke zu welchem Anlass passt. Welche Tonlage Trost spendet. Welche Feierlichkeit ausdrückt. Auch das ist Handwerk. Nicht mechanisch. Sondern kulturell.

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