
Museum Laufental. Eine neue Frage hängt im goldenen Rahmen: «Welche Geschichten erzählt man erst, wenn man dich kennt?» Christoph Sütterlin, Concierge des Laufentals und Mitarbeiter im Museum, greift zum Hammer und befestigt die Frage im Eingangsbereich. Beim Nageln liefert er gleich eine erste Antwort. Fremde müssten sich im Tal zuerst beweisen. Die besten Tipps gebe es nicht beim ersten Gespräch. Man lasse die Leute ruhig etwas zappeln. Dann erfahre man vielleicht, wer der beste Zimmermann sei, wo die guten Wege verliefen und welche Orte man besser für sich behalte.
Als konkretes Beispiel nennt Sütterlin den Stürmechopf, das Matterhorn des Laufentals, wie es heisst. «Den kennen im Laufental höchstens zehn Prozent.» Ein offizieller Aussichtspunkt mit wunderbarem Blick übers Tal, aber kaum ausgeschildert. Offensichtlich ein Ort von Wahlnern für Wahlner. Lenz wird hellhörig.
Digitale Spurensuche
Zuerst recherchiert er digital. Der Stürmechopf ist mit 769 Metern ein kegelförmiger Hügel südwestlich von Wahlen und gilt als landschaftliches Wahrzeichen des Laufentals. Auf dem Gipfel finden sich Reste einer römischen Anlage. Der Name soll auf heftige Winde zurückgehen, die einst dort errichtete Holztürme zerstörten. Heute führt eine Wanderung von Wahlen über den Gipfel und weiter zur Ruine Neuenstein.
Auffällig ist etwas anderes: Bilder vom Aussichtspunkt sind im Internet erstaunlich rar. Sütterlins Hinweis beginnt plausibel zu wirken. Für Lenz Grund genug, die digitale Recherche abzubrechen. Ein Detektiv muss schliesslich irgendwann selber nachsehen.
Selbstversuch
Gemeinsam mit seiner Frau, ausgewiesene Outdoorspezialistin mit geschärftem Blick für kleine Details, packt Lenz die E-Bikes und ein Zelt. Am Abend geht es von Laufen über die Korkstrasse und weiter auf einem Landweg Richtung Stürmechopf. Auffällig: Vom Stürmechopf ist unterwegs kaum die Rede. Der Weg führt in den Wald, am Planetenweg entlang bis zu einem Unterstand. Dort schlagen sie ihr Nachtlager auf.
Am nächsten Morgen geht es zu Fuss weiter. Erst beim Unterstand taucht der Name Stürmechopf auf einem Wegweiser auf. Wenige Meter später zweigt ein schmaler, wenig begangener Pfad ab. Er wirkt eher wie ein Trampelpfad und hinterlässt Kratzspuren an den Beinen. Oben angekommen, dann endlich das vertraute Piktogramm für eine Aussichtsplattform.
Gefunden
Der Stürmechopf ist gefunden. Und Sütterlin hat leider nicht ganz unrecht. Oben warten fünf Feuerstellen auf drei Ebenen und ein wunderbarer Blick über das Laufental. Ein Ort, der sich nicht verstecken müsste. Aber einer, den man derzeit tatsächlich eher findet, wenn man weiss, wonach man sucht.
Lenz muss schmunzeln. Das Tal hat ihm damit einen kleinen Lehrgang in Standortförderung erteilt: Manchmal braucht es gar keine grosse Infrastruktur. Ein Wegweiser würde genügen.
Ja nicht verraten
So bleibt am Ende eine gewisse Ambivalenz. Muss wirklich jeder schöne Ort bekannt gemacht werden? Wohl kaum. Niemand möchte aus dem Stürmechopf ein Laufentaler Lavertezzo machen. Dort sorgte 2017 ein virales Video, das den Ort als «Malediven von Mailand» bezeichnete, für einen regelrechten Ansturm italienischer Tagestouristen.
Aber zwischen Geheimtipp und Geheimhaltung liegt ein Unterschied. Vielleicht muss man den Stürmechopf nicht verraten. Man könnte einfach dafür sorgen, dass jene, die ihn suchen, ihn auch finden.

