Das Storchengeheimnis von Brislach

Mitten im Hochsommer im Laufental ein freies Bett zu finden, ist schwieriger als einen Täter aufzuspüren. Das Hotel Central in Laufen ist seit kurzem geschlossen, der Röschenzerhof macht Betriebsferien, andere Häuser haben Ruhetag. Nach mehreren Telefonaten landet Jonas Lenz schliesslich im Gasthof zum Kreuz in Brislach.

Staffelübergabe auf dem Kirchendach

Empfangen wird Lenz von Gastgeberin Sandra Grolimund, die ihn auf direktem Weg ins Zimmer 8 im Erdgeschoss führt, wo vor der Erweiterung des Gasthofs die alte Dorfschenke war. Weshalb ausgerechnet Nummer 8, obwohl das Haus offiziell nur sieben Gastzimmer zählt, bleibt vorerst ein Rätsel.

Kaum angekommen setzt sich Lenz an den Schreibtisch und verarbeitet bei offenen Fenstern die Eindrücke der vergangenen Tage, als ihn ein lautes Klappern auf die Dächer der Kirche blicken lässt. Erst jetzt entdeckt er, dass mit der Abenddämmerung Störche im Anflug sind und auf dem Dachgiebel Platz genommen haben.

Lenz steht ans Fenster und bestaunt die schwarz-weissen Zugvögel, 13 an der Zahl. Schwarz-weiss, in den Farben der Detektei, schmunzelt Lenz. Einer der Störche beginnt zu klappern. Kurz darauf antwortet ein zweiter, dann ein dritter. Das Geräusch wandert über die Dächer wie eine Staffelübergabe. Hin und wieder erhebt sich einer in die Luft, dreht eine Ehrenrunde und landet wenige Meter weiter. Offenbar herrscht auch unter Störchen eine Rangordnung.

Storchensprache

Lenz beginnt zu recherchieren. Das Klappern entsteht, indem Ober- und Unterschnabel zehn- bis zwölfmal pro Sekunde aufeinanderschlagen. Den Resonanzraum bildet nicht ein Geigen- oder Cellobauch, sondern die gespannte Kehlhaut. Nach dem Besuch beim Bootbauer und dem Geigenbauer entdeckt Lenz nun den Kehlkopf als Resonanzkörper. Das passt erstaunlich gut zu seinen bisherigen Ermittlungen. Immer häufiger stösst er auf Menschen und Tiere, die Resonanz erzeugen.

Auch farblich scheint sich der Fall zu verdichten. Schwarz-weiss tragen nicht nur die Störche. Auch die Gastgeberin erscheint in einem schwarzen Oberteil. Lenz trägt wie immer sein schwarzes Gilet zum weissen Hemd. Fast wirkt es, als hätte Brislach für diesen Abend einen Dresscode beschlossen.

Junggesellen-Party

Beim Frühstück setzt sich Sandra Grolimund zu Lenz und erzählt von ihrer Faszination für die Störche. «Vor etwa zehn Jahren sind sie plötzlich aufgetaucht und sofort meine Freunde geworden», sagt sie und blickt nach oben. «Meine Adler.»

Jeden Frühling beginne dasselbe Warten, erzählt Grolimund. Und dann, meist ganz plötzlich, seien sie wieder da. Von einem Tag auf den anderen. Fast wie Stammgäste, die nie reservieren und trotzdem jedesmal denselben Tisch beanspruchen. Einmal habe sie 21 Störche gezählt. Lenz rechnet kurz nach. 1794 Einwohner, 21 Störche. Fast ein Storch auf 85 Menschen, eine beachtliche Quote.

Was Grolimund seit Jahren wundert: Weshalb die Tiere keine Nester bauen. Und weshalb zwei vorbereitete Horste beim Lüttenhof unbenutzt bleiben. Ein ungelöstes Rätsel. Ihre Lieblingshypothese gefällt Lenz sofort. «Ich glaube, das sind alles Junggesellen.» Eine reine Männer-WG. Rastlos, unverbindlich und ohne Bauabsichten.

Die ganze Episode «Das Storchengeheimnis von Brislach» findet sich im Wochenblatt vom 6. August 2026.

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