Der Glöckner von Zwingen

Zwingen, Schlosskapelle St.Oswald, auf dem Dachstuhl. Im Dunkeln steigt Patrick Bonneau die Leiter hoch, tastet sich zur Dachluke vor und hebt den Deckel. Der Blick auf ein Stück Himmel und die beiden Glocken der Kapelle wird frei. Ein seltener Augenblick, den Bonneau in sich aufsaugt. Alles ist in bester Ordnung, Bonneau kann den Rückweg antreten.

Ein Glöckner ohne Seil

Unten angekommen wartet vor der Schlosskapelle Jonas Lenz. Seit Monaten freut er sich darauf, den Glöckner von Zwingen kennenzulernen. Allein das Wort löst inneres Kopfkino aus, riecht nach Mittelalter, Steinmauern und Ritual. Doch Bonneau trägt keinen Kapuzenmantel, kein Glockenseil über der Schulter, kein mittelalterliches Gewand. Nicht einmal einen Buckel hat er.

Bonneau stellt sich vor. Sein Name stamme vom französischen Vater. Bonne eau – gutes Wasser. Ein Name, der zu Zwingen passt. Seine Eltern waren beide in der Papiri Zwingen tätig. Der Vater hat Celluloseproben genommen und diese ins Labor zu seiner späteren Mutter gebracht. Eine glückliche Fügung.

Patrick Bonneau ist Kaufmann, verheiratet, Vater von drei Kindern, und arbeitet bei der Aluminium-Laufen AG Liesberg. Nebenbei betreibt er einen «Tische&Stühle»-Verleih. Eine Information, die Lenz innerlich schmunzeln lässt. Auch er selbst führt einen halboffiziellen Möbelverleih: 8 kleine Klapptische, 36 Klappstühle, 15 rot-weiss gestreifte Liegestühle. Gegen Bonneaus Inventar wirkt Lenz’ Mobiliar fast wie ein Start-up.

Ad-hoc-Beförderung

 «Und wie läutet man die Glocke?», will Lenz wissen. Bonneau verweist auf ein gelbes Gerät, das er mit sich führt. Lenz staunt ein zweites Mal. Das also ist das Werkzeug des Glöckners. Kein Seil, kein Holzgriff, kein bronzener Hebel. Stattdessen eine Fernbedienung mit Antenne und Kippschalter. Gelber Kunststoff, schwarze Knöpfe, Aufschrift: Joh. Muff AG, Kirchenglocken-Läutmaschinen. Lenz braucht drei Sekunden, um die erste Enttäuschung professionell zu verarbeiten.

Vor sieben Jahren, erzählt Bonneau, habe er das Amt von Vorgängerin Lisa Grundwürmer übernommen. Es ehre ihn bis heute, ad hoc zum Glöckner befördert worden zu sein. Seither bediene er die Glocken bequem von zuhause aus, mit Blick auf den Turm der Schlosskapelle, rund hundert Meter Luftlinie entfernt. Bei Abdankungen läute er die kleine, helle Glocke. Bei Hochzeiten komme die grössere dazu, tiefer im Klang, voller im Raum, festlicher in der Wirkung. Immer, wenn er eine Hochzeit einläute, denke er an seine eigene Hochzeit in der Schlosskapelle, als er die Glocken als Bräutigam zum ersten Mal bewusst gehört habe.

Was Lenz beeindruckt: Nicht die Technik steht im Vordergrund, sondern die Sorgfalt. Glöckner sein bedeutet nicht bloss, einen Knopf zu drücken. Es bedeutet, zu wissen, wann welcher Klang angebracht ist. Welche Glocke zu welchem Anlass passt. Welche Tonlage Trost spendet, welche Feierlichkeit ausdrückt. Auch das ist Handwerk. Nicht mechanisch. Sondern kulturell.

Mehr dazu in der aktuellen Ausgabe des Wochenblatts.

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