
Rahmenbau, Bootsbau, Geigenbau, Klavierbau, Bierbrau. Fast schon ein Gedicht. Immer öfter begegnet Lenz Menschen, die mit Kopf, Hand und Leidenschaft Dinge herstellen, die es nicht von der Stange gibt. Das nächste Puzzleteil vermutet er in der Taschenmanufaktur von Lisa Grundwürmer in Röschenz.
Flickschneiderin
Fluhstrasse 2. Lenz steigt die Treppe hinunter ins Atelier, in dem Grundwürmer ihre Taschenmanufaktur und ihren Flickservice betreibt. Seit bald sechs Jahren arbeitet die zweifache Mutter zudem als Flickschneiderin in der Wäscherei eines Pflegeheims in Arlesheim. Sie «namelt» die Kleider neuer Bewohnerinnen und Bewohner, passt sie an, flickt und wäscht sie und bringt die frische Wäsche aufs Zimmer. Eine Arbeit, die nicht nur Textilien, sondern manchmal auch Erinnerungen zusammenhält.
Den Ausgleich zu den schweren Themen findet Grundwürmer im kreativen Schaffen. Nach ihrem Studium in Modedesign und Schnitttechnik begann sie, Kissen, Mützen, Schals und Taschen herzustellen. Seit 25 Jahren entwirft und produziert sie Taschen und Accessoires.
Aus Resten wird Neues
Ihre Spezialität sind Dinge, die andere nicht mehr brauchen: Restrollen von Markisen, alte Bücher, Lagerbestände von Autosattlereien und Nähereien, Sofaleder oder Vorhänge. Was anderswo als Restmaterial endet, bekommt bei ihr ein zweites Leben.
«Früher musste ich das, heute habe ich Spass daran und es macht mehr Sinn denn je», sagt sie. Den sparsamen Umgang mit Material habe sie mit der Muttermilch aufgesogen. Ihre Mutter, Jahrgang 1936, war in einfachen Verhältnissen aufgewachsen und hatte den Krieg in Deutschland erlebt. Auch die Grossmutter rettete kleinste Dinge. Im Nachtkästchen sammelte sie für die Enkelin Seifendosen, türkis, mit Blumenmuster und goldenem Rand. Lenz ahnt: Nachhaltigkeit beginnt manchmal lange vor dem ersten Nachhaltigkeitslabel.
James Bond als Detektei-Mappe
Lenz‘ Blick wandert durch das Atelier. Fadenspulen, Stoffbänder und Stoffreste sind fein säuberlich nach Farben geordnet. Dann entdeckt er im Regal ausrangierte Bibliotheksbücher. Er zieht eine schwarz-weisse James-Bond-Enzyklopädie heraus. Ein Reissverschluss umschliesst den Buchdeckel. Innen ist das Buch ausgehöhlt und mit Blachen ausgekleidet. Einige Seiten sind geblieben, der Rest ist freier Raum für Notizen oder ein Notebook.
James Bond als Handtasche? Nein, als Detektei-Mappe. Lenz wiegt das verwandelte Buch in den Händen. Ein ausrangiertes Buch, das nicht nur von Agenten erzählt, sondern selbst zum Geheimfach geworden ist. Volltreffer. Ein Puzzleteil für die Idee einer «Manufaktur Laufental».
Das Muster hinter dem Machen
Was die Fundstücke verbindet, ist mehr als Handwerk. Es ist die Freude am Machen, am Material, am eigenen Tun. Dinge herstellen, die Zeit brauchen und am Ende tatsächlich in den Händen liegen. Selbst die Detektei passt ins Bild: Lenz schreibt seine Geschichten mit dickem Filzstift auf eine sechzig Meter lange Papierrolle. Auch die Detektei arbeitet analog. Eine Manufaktur mit Lupe statt Nähmaschine.
Der Soziologe in Lenz erinnert sich an Richard Sennetts Standardwerk «Handwerk». Für den amerikanisch-britischen Soziologen ist Handwerk weit mehr als das traditionelle Gewerbe. Es geht um den menschlichen Impuls, etwas um seiner selbst willen gut machen zu wollen. Kopf und Hand gehören zusammen, Können entsteht durch Übung, Versuch und Irrtum. In einer zunehmend digitalisierten Welt gewinnt diese Erfahrung eine neue Bedeutung. Während künstliche Intelligenz immer mehr Aufgaben übernimmt, wächst die Sehnsucht nach Dingen, die man selbst herstellen, anfassen und begreifen kann.
Analog ist das neue Bio, denkt Lenz. Und vielleicht liegt darin ein Stück Identität des Laufentals: eine überraschende Dichte an Menschen, die lieber etwas machen, als nur darüber zu reden.
Bild: Sabine Theiler
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