Vom Zufall, der keiner ist

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Laufen, später Nachmittag. Das Atelier von Iris Amacher liegt ruhig in einer Seitenstrasse, ein Ort, an dem die Zeit langsamer läuft. Jonas Lenz tritt ein und hat sofort das Gefühl, einen Raum zu betreten, in dem Dinge nicht einfach existieren, sondern in Erscheinung gebracht werden.

Gold schimmert in verschiedenen Tönen: warm, kühl, fast grünlich. Werkzeuge liegen bereit, als wären sie Teil eines Rituals. Iris Amacher begrüsst ihn mit ruhiger Selbstverständlichkeit. Eine Frau, die weiss, was sie tut.

Eigentlich ist es ein Zufall, dass Jonas hier steht. Oder zwei. Eine gute Freundin aus Bernrain-Zeiten hatte ihm von ihr erzählt. Und im Bären war ihr Name ebenfalls gefallen – im Zusammenhang mit einem schweren Barockspiegel. Zwei Spuren, die sich kreuzen. Für Jonas ein untrügliches Zeichen.

Iris erzählt von ihrem Weg. Geboren in Liesberg. Lange ohne klare Richtung. Bis ihre Mutter sie – ohne zu fragen – zu einer Schnupperlehre bei einer Vergolderin anmeldet. Drei Tage später hatte sie die Lehrstelle. «Ich war zuerst wütend», sagt sie und lächelt. «Heute weiss ich: Es war goldrichtig.»

Sie tritt damit in die Fussstapfen ihres Urgrossvaters, eines Kirchenvergolders. Eine Linie, die sich fortsetzt, ohne je geplant gewesen zu sein.

«Ein Bild ohne Rahmen ist wie eine Seele ohne Körper», sagt sie und zitiert Vincent van Gogh. Ein Tal ohne Rahmen ebenso, denkt sich Jonas.

Sie gibt Bildern einen Rahmen, der sie zur Geltung bringt, ohne sie zu dominieren. Von der Kinderzeichnung bis zum hochdotierten Original. Jonas tut im Grunde dasselbe – nur mit Worten. Er rahmt Geschichten, legt Spuren frei, macht sichtbar, was sonst übersehen wird.

Eine leise Verwandtschaft.

Als er sich verabschiedet, holt er aus seiner Tasche einen goldenen Rahmen. Nicht gross, aber auffällig. Er stellt ihn in einen offenen Schrank.

«Laufental, wo sprengst du den Rahmen?»

Er zögert kurz. Fast eine Entschuldigung liegt in der Geste. Könnte auch respektlos wirken.

Iris betrachtet den Rahmen, dann ihn.
«Nein», sagt sie ruhig. «Das passt.»

Sie nimmt sich vor, die Frage weiterzugeben. Beim Verabschieden der Gäste, ganz beiläufig. In Colombo-Manier.

Und vielleicht, denkt Jonas auf dem Weg nach draussen, ist genau das der Moment, in dem etwas beginnt: Wenn jemand einen Rahmen setzt – und andere anfangen, ihn zu hinterfragen.

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