Laufon – ein Fehler mit Folgen

Évêché de Bâle

Grellingen, Unterdorf 9. Samstagvormittag, kurz nach elf. Jonas Lenz steht vor einem Haus, das so wirkt, als hätte es schon vieles gesehen – und noch mehr gehört. Drinnen wartet mit Martin Schindelholz ein Grellinger Urgestein. Einer, der nicht nur weiss, wie das Tal funktioniert, sondern auch, wie man es erzählt.

Schindelholz öffnet die Tür mit einem Blick, der sofort signalisiert: Hier wird nichts beschönigt. Ein Mann mit vielen Hüten – Webpublishing, Vorstandsmitglied bei BL Tourismus, beim Gewerbeverein KMU Laufental und seit 2008 bei der Promotion Laufental. Dreissig Jahre Feuerwehr, Einsatzleiter beim Grossbrand im Büttenenareal 2003. Einer, der weiss, was passiert, wenn es ernst wird. Und einer, der auch dann noch einen Satz parat hat.

Sie setzen sich. Jonas stellt, wie so oft in den letzten Tagen, den goldenen Rahmen auf den Tisch: «Laufental, was macht dich stolz, was kannst nur du?»

«Stolz? Ja. Auf die Geschichte. Bis vor kurzem waren wir der einzige Bezirk, der den Kanton gewechselt hat.»

Jonas nickt. Das kennt er. Aber Schindelholz wäre nicht Schindelholz, wenn er es dabei belassen würde.

«Und dann gibt es noch die Geschichte mit Laufon», sagt er und lächelt.

Der Wiener Kongress, 1815. Europa wird neu geordnet. Karten, Linien, Zuständigkeiten. Und irgendwo auf einer dieser Karten steht «Laufon». Französisch. Also – so die Logik – gehört das wohl zu den Französischsprachigen. Und damit zu Bern.

Ein Versehen, vielleicht. Ein Missverständnis.
Oder, wie Schindelholz sagt: «Ein sehr gut begründetes Gerücht.»

Jonas hebt eine Augenbraue. Schindelholz lehnt sich vor und gesteht:

«Ich habe das selbst in Wikipedia eingetragen.»

Ein Lachen, das irgendwo zwischen Stolz und Schelmenstreich liegt.

Er sei Wikipedianer der ersten Stunde, erklärt er, habe dadurch gewisse Rechte. Wenn er etwas editiere, gehe das einfach durch. Also habe er die Geschichte platziert. Später tauchte sie in einem Reiseführer auf. Und dieser Reiseführer wurde wiederum als Quelle im Wikipedia-Artikel zitiert.

Ein Zirkelschluss mit Ansage.

«Der Reiseführer ist auch auf meinem Mist gewachsen», sagt er. «Idee und Umsetzung.»
Dann der Satz, der hängen bleibt: «Ich glaube nur, was ich selber erfunden habe.»

Jonas muss lachen. Genau für solche Momente ist er unterwegs.

Hier sitzt einer, der Realität nicht einfach wiedergibt, sondern mitformt. Einer, der weiss, wie Geschichten entstehen – und wie leicht sie sich verselbstständigen.

Auszug aus dem Wander- und Reiseführer (2009)

Nach dem Sieg der Alliierten über Napoleon behandeln diese den Jura als Feindesland. Der Wiener Kongress (1814-1815) beschliesst die Vereinigung des früheren Fürstbistums Basel mit der Schweiz und die Aufteilung auf die Kantone Basel und Bern. Das „Laufonais“ kommt vermutlich aufgrund eines Versehens am runden Tisch nicht zu Basel wie die anderen deutschsprachigen Vogteien Birseck und Pfeffingen, sondern wird dem Bezirk Delémont im französischsprachigen Jura des Kantons Bern zugeteilt. Möglicherweise wusste der Unterhändler Baron d’Andlau aus Arlesheim nicht, dass seine Untertanen in Laufen deutsch sprachen.

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