Landepiste für Geschichten

Bahnhof Laufen, Freitagabend, 22 Uhr. Nachtschicht. Lenz kehrt nochmals auf den Bahnsteig zurück. Diesmal geht es nicht nur um Menschen. Sondern um Licht. Er will wissen, wie sich der Ort nachts verändert. Vor der Wartebank baut er das gesamte Set erneut auf. Tisch. Stühle. Papierrolle. Das frühere Stellwerk leuchtet hinter ihm wie eine Vitrine. Die Szene wirkt gleichzeitig absurd und erstaunlich stimmig.

Lenz arbeitet still. Er spricht niemanden aktiv an. Aus Prinzip. Er würde nie jemandem hinterherrufen. Nie Zeit stehlen. Nie Aufmerksamkeit einfordern. Die Initiative muss von den Menschen kommen. Und genau deshalb funktioniert es. Immer wieder wird er angesprochen.

Ein Liedermacher bleibt stehen und erzählt, dass er die Detektei schon länger verfolge. Ein stattlicher Mann schwärmt von der Doppelspur und erklärt mit fast historischem Ernst, sie habe das Laufental endgültig vom Bauerntum befreit. Lenz schreibt mit.

Spätabends ist wenig Betrieb. Vor allem Jugendliche ziehen über den Bahnsteig, beobachten die Szenerie aus sicherer Distanz, tuscheln, kommen näher.

Erstaunlich offen, findet Lenz. Wer behauptet eigentlich, Jugendliche seien nicht neugierig? Einer fasst sich ein Herz und setzt sich auf den gepolsterten Stuhl. Er schaut Lenz an. Dann die Ape. Dann die Papierrolle. Dann schüttelt er den Kopf und gesteht: «Ich bin komplett verwirrt.» Lenz lächelt. «Ein Detektiv am Bahnhof», fährt der Jugendliche fort. «Um diese Uhrzeit. Und dann noch mit so einem Wagen.» Er lehnt sich zurück. Zu viel des Guten. Zu schräg. Zu surreal.

Dann die entscheidende Frage: «Kann man damit Geld verdienen?» Lenz schaut kurz zur Papierrolle. Dann zum Jugendlichen. «Zumindest wird man reich an Geschichten.» Der Jugendliche grinst halbherzig. Der Fall ist fürs Erste abgeschlossen.

Je länger Lenz auf Bahnsteig 1 sitzt, desto klarer wird ihm: Ein Bahnhof ist nicht nur ein Ort des Abschieds und der Ankunft. Er ist die ideale Landepiste für Geschichten. Und vielleicht auch der perfekte Ort für das Finale der Detektei. Hier, im Dazwischen, wo täglich Hunderte vorbeiziehen, könnten die Spuren des Laufentals ein letztes Mal sichtbar werden, bevor sie weiterreisen.

Bild: Roland Jermann

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